Neurowissenschaften und Animismus

Dr Kathrin Reeckmann, 2019

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Zwischen Hyperrealismus und Abstraktion – Neurowissenschaft und Animismus

 

 

Bouba und Kiki

 

Bouba und Kiki sind zwei Wörter ohne jede Bedeutung. In einem neurowissenschaftlichen Experiment ging es darum, sie gedanklich mit einer rundlichen und einer spitzen, sternförmigen Form in Verbindung zu bringen. Das Ergebnis ist erstaunlich zwangsläufig: Bouba = rund, Kiki = spitz. Die Erklärung liegt in der Frequenz beim Sprechen. Bouba liegt auf einer tiefen, wellenförmigen Frequenz, Kiki auf einer hohen Frequenz mit ausgeprägter Zackenstruktur. Ton und Form sind also kongruent, weil ihre Struktur ähnlich ist.

 

Unsere Wahrnehmung ist eine komplexe Mischung aus allen Sinnen. Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken funktionieren stets im Zusammenspiel, mal stärker und mal schwächer. Beim Essen spielt auch die optisch ansprechende Präsentation eine wichtige Rolle für das Geschmackserlebnis, beim Glühweintrinken die Außentemperatur und beim Einkaufen soll angenehme Hintergrundmusik helfen, möglichst viel Geld umzusetzen.

 

Dass dies alles funktioniert, hat vor allem mit der Synästhesie zu tun. Selbst wenn nur wenige Menschen etwa konkrete Zahlen, Töne oder Formen mit bestimmten Farben verbinden – unser Gehirn stellt diese Querverbindungen immer her, mal ganz deutlich, meist aber eher unmerklich, im Hintergrund her.

 

Für die Malerin Rebecca Partridge ist die Welt ein komplexes synästhetisches Erlebnis, bei dem das Sehen die Hauptrolle spielt und sich die anderen Eindrücke vorrangig zu diesem Sinneseindruck verhalten. Ihre Malerei ist ein Forschungsprojekt dazu, wie sich die Bilder vom Außen mit den Bildern im Inneren verbinden. Wie sehen wir etwas? Wie ändert sich unsere Wahrnehmung der Dinge bei wechselndem Licht? Welche Farben und Formen lösen welche Empfindungen, Töne und Bilder im Inneren aus? Letztlich forscht die Künstlerin nach den Strukturen, die Außen und Innen verbinden. Ein wenig ist es das Faust’sche Suchen nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

 

Wir alle haben ein körperliches Wissen, was die Überschneidungen zwischen den äußeren Dingen und unserem Inneren angeht. Dieses Wissen ist teils angeboren, teils kulturell bedingt, aber immer besitzen wir es und immer beeinflusst es unsere Wahrnehmungen und damit unsere Entscheidungen. Diesem universalen Wissen ist Rebecca Partridge auf der Spur.

 

 

 

 

„What colour is darkness?“

 

 

Rebecca Partridge rückt den Dingen auf den Leib. Sie malt fotorealistische Sequenzen von Landschaften, die sie streng systematisch nach Tageszeit und geografischer Lage anlegt. Immer setzt sie sich den Landschaften intensiv aus, verbringt Tage und Nächte vor Ort. Vor Ort sucht sie den passenden Bildausschnitt aus. Sie notiert Uhrzeit und einzelne Farbwerte, beschreibt die Übergänge zwischen den Farben und macht Fotos, um die Strukturen des Gesehenen festzuhalten. Die Farben des Himmels lassen sich im Foto nur unzureichend wiedergeben. Vielmehr kommt es der Künstlerin darauf an, die Farben vor Ort wirklich zu sehen und zu erleben – die Notizen helfen dabei.

‘12am: what colour is darkness? Luminous yellow/ blue grey… 9 steps to dark (of 12)’ 

Im Atelier legt sie dann das Bild nach den Fotos und Notizen an, aber an einem bestimmten Punkt, meist irgendwo auf halbem Weg, entwickelt das Bild seine eigene Dynamik und die Fotos werden unwichtig.

 

 

Rebecca Partridge malt in klassischer Technik Bilder, die mit herkömmlichen Landschaften nur wenig gemein haben. Meist fehlt ihnen eine genaue Orientierung und meist gibt es keinen RAUM, in dem sich einzelne Landschaftselemente entfalten. Es gibt keine Schatten, keine Tiefe, kein Wetter, keine Tiere, keine Menschen, kein Drama. Eher sind die Gemälde von Rebecca Partridge Darstellungen von Elementen oder Verdichtungen einzelner Bestandteile von Natur: Baum. Berg. Himmel. Schnee. Nebel. Licht.

 

 

„A painting is not a picture of an experience; it is an experience.“[1]

 

 

In der Herauslösung einzelner Elemente aus der räumlichen Ordnung löst sich die Gegenständlichkeit der Landschaft fast auf. Die Nähe des Werkes zur Abstraktion wird deutlich. Es handelt sich weniger um konkrete Orte als um das Sichtbarmachen grundlegender Energien oder Seins-Zustände: Hell. Dunkel. Offen. Geschlossen. Horizontal. Vertikal. Warm. Kalt. Nass. Trocken. Großteilig. Kleinteilig.

 

Das Maleratelier ist hier der Reinraum, in dem die Erscheinungen des Außen wie unter einem riesigen Mikroskop erkundet werden können. Die Motive liegen fast hyperrealistisch und freigestellt, quasi dokumentarisch ausgebreitet vor uns. Die Künstlerin scheint sich jeden Kommentar zu ersparen.

 

Hier wird deutlich, was das Malen für die Künstlerin bedeutet: Es ist ein konzeptueller Prozess der Aneignung von Materie, der Erforschung von Strukturen, von Gesetzmäßigkeiten des Sehens. Natur, die die Künstlerin vorher vielfach erkundet und verinnerlicht hat, entsteht im Atelier neu und lässt – im Idealfall – erkennen, auf welche Struktur, Form oder Farbe unsere Emotionen ansprechen, welche inneren Bilder auf welche äußeren Bilder folgen. Grundlegende Voraussetzung unserer optischen Wahrnehmung ist das Licht, das in seiner unterschiedlichen Intensität und farblichen Zusammensetzung bestimmt, WAS wir sehen und WIE wir das Gesehene bewerten.

 

Hier wird auch klar, warum Rebecca Partridge stets seriell arbeitet: Ihre mehrteiligen Bilder sind Versuchsanordnungen. Nur in der unterschiedlichen Beleuchtung eines gleichbleibenden Motivs oder – allgemeiner – einer gleichbleibenden Struktur lassen sich die Wirkungen des Lichts genau untersuchen.

 

‘Colour/ light = time’ ‘Structure in tree/ structure in time/ structure in mirror… structure in fragments’ 

 

 

Durch die Bäume / Through The Trees, 2010, Aquarell auf Papier / watercolour on paper, 100 x 80 cm

 

 

Nichts lenkt den Betrachter ab vom Schauen, keine Unschärfe, keine Geschichte, kein weiter Raum, in dem der Blick umherschweifen kann: Rebecca Partridge interessiert sich für die inneren Bilder, die wir mit den äußeren Bildern – in diesem Fall der Natur – verbinden. Sie sucht nach den Momenten der Resonanz zwischen Draußen und Drinnen und danach, was diese Resonanz triggert.

 

Ähnliches erlebt der Betrachter vor einer Farbfeldmalerei, etwa von Mark Rothko. Rebecca Partridges Landschaften sind letztlich genauso abstrakt. Auch hier geht es darum, sich ganz auf das Motiv bzw. auf die Farbfläche einzulassen, in der Nichtexistenz von Sekundärreizen ganz in der Malerei aufzugehen. Vor diesen Bildern ist eine mystische Versenkung möglich und erwünscht. Ziel ist es, zum Wesen der Dinge vorzustoßen, und zwar abseits rationaler Kategorien. Fast jeder Mensch empfindet einen Wald als beruhigend, die Farbe Grün als belebend und so weiter. Warum dies so ist, ist nur teilweise rational zu erklären, dennoch ist es so.

 

In Rebecca Partridges Werken kommt eine instinktive Beziehung zur Natur, ein tiefes Verständnis für die Belebtheit, für das Wesen ihrer Bestandteile zum Ausdruck. Ganz jenseits mystischer Schwärmerei oder Romantik versucht die Künstlerin, diesem uralten Wissen auf die Spur zu kommen, planvoll und konzentriert. Sie nutzt dafür die alte Technik der Malerei, verbunden mit zeitgenössischen Sehweisen.

 

Neurowissenschaften und Animismus, Realismus und Abstraktion, Handarbeit und Bilderflut werden zu einer faszinierenden Bildsprache vereint, die prototypisch für unsere Zeit stehen kann.

 

Dem gern ausgerufenen Ende der Natur stellt Rebecca Partridge ein Entdecken der Natur in uns entgegen. Mit ihrem konzeptuellen Fotorealismus ist sie Teil einer jungen Avantgarde, die sich intensiv mit dem globalen Thema von Natur- und Umweltzerstörung auseinandersetzt. Ihre Bilder handeln von der Kraft der Natur, deren Teil wir sind, auch im 21. Jahrhundert.

 

Dr. Kathrin Reeckmann

[1] Mark Rothko, zitiert nach: Dorothy Seiberling in LIFE magazine (16.11.1959), p. 82